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Auszug aus:

Die Chiffre in Adas Lochkarten

oder

Père où?

Über das Projekt "punchcardmusic" von Gudrun Barenbrock und Udo Moll, Wolfgang Mitterer

Von Fotini Ladaki

"Das Leben ist ein Loch im Realen." (Lacan J.)

"Wenn irgendeine von meinen Entdeckungen von einiger Wichtigkeit ist, dann ist es das Loch."
(Lucio Fontana)

"Ich weiß nicht, was ich bin. Ich bin nicht, was ich weiß:
Ein ding und nit ein ding: ein stüpffhin und ein kreiß."
(Angelus Silesius: Cherubinischer Wandersmann)

Einführung

Im Galopp rennen die Pferde von dannen und davon, immer dahin und zurück, Einweg, in die aufgestellten Startlöcher ohne Raster inmitten von Lichtlöchern mit dunklem Rand oder ganz durch und durch von Schwarz. Die Schwärze verschluckt nicht nur das Licht, sondern auch die symbolische Signifizierung. Nur das ewig Reale steht auf dem gleichen Platz und kann weder über einen Riss noch über einen Mangel klagen. Dem Realen fehlt nichts. Daher entstammen auch die Götter dem Realen.

Überall nur Löcher und Lochkarten mit chiffrierten Botschaften, die nichts sagen, wenn sie vorgeben, viel zu sagen und noch weniger sagen, wenn sie sich auf den Platz der letzten Wahrheit zu stellen wagen. Denn die Chiffren sollen entziffert werden, um Sinn zu erhalten. Ein Parcours durch Löcher mit einem Einstieg in eine Parallelwelt, wo Mutter und Tochter, isoliert von der Welt des Dritten als dem Namen des Vaters, in verschmelzender Geste Differenzen aushebeln und den Weg zu Katastrophen ebnen.

Père oú ist kein Land, sondern die Suche nach dem objekt a, das den Platz des Vaters umkreist. Obwohl er ein Loch im Realen von Adas Leben war, schaffte er es trotzdem, sich als Gespenst zu kolportieren und als Motor ihrer imaginären und epistemischen Suche zu situieren. Es gibt nur ein einziges Objekt des Begehrens nach Lacan, das objekt a. Das objekt a ist nicht ein Objekt, auf das sich das Begehren richtet, sondern es ist der Grund des Begehrens. Das sprechende Subjekt begehrt nach der Ursache seines Begehrens. Und da das objekt a immer ein verlorenes ist, ist auch das Begehren immer die Beziehung zu einem Mangel.

Mit einem Klumpfuß – wie Ödipus in der griechischen Mythologie – versehen, wird Lord Byron als der verlorene Vater stets in den Startlöchern des Begehrens seiner Tochter lauern und in dem Signifikanten "Pferd’ seiner realen Verankerung begegnen. Warum soll der Mensch kein Pferd sein, wenn er unter anderen Umständen, wie bei der Psychosomatik, mit dem "Pfund Fleisch“ (Shakespeare: "Der Kaufmann von Venedig") aus seinem Körper seine imaginäre Schuld bezahlt? "Rittlings über dem Grabe und eine Schwere Geburt. Aus der Tiefe der Grube legt der Totengräber träumerisch die Zangen an. Man hat genug Zeit, um alt zu werden." (Beckett S.: Warten auf Godot)

Die Mutter wird sich zur Alleinherrscherin über das Unbewusste ihrer Tochter fantasieren. In ihrer Rache wird sie der Figur der Medea einen Teil ihres unbewussten Wirkens entlehnen und ihr Kind überleben. Der Vater wird als Byronic Hero zum Symbol des "überflüssigen Menschen". Aus dem Drama zweier Monster sucht die Tochter den Ausweg des Abjekts, das weder Objekt noch Subjekt werden kann und sich in der Welt der Symbole einrichtet. Sie wird Lochkarten erfinden, um sich mindestens als Zahl zu verdingen.

Adas Lovelaces Text mit der Beschreibung eines funktionierenden Algorithmus wird zu einem Meilenstein in der Theorie der maschinellen Datenverarbeitung. Sie wird die erste Programmiererin der Weltgeschichte.

Wenn der Himmel zu weit oben steht, greift man nach der Unterwelt. "Nicht geboren zu sein, übertrifft alle Vernunft." (Sophokles: Ödipus auf Kolonos)

Mit einer Haarlocke im Medaillon der Tochter wird der Vater vom Rest des Realen erst zum objekt a, bevor er den heiligen Stand des agalmatischen Dings nach Heidegger erreicht: "Aus dem Spiegel-Spiel des Gerings des Ringen ereignet sich das Dingen des Dinges."

In dem Delirium des sprechenden Subjekts wird Ada auch den Vater und seine Schuld in ihren Spiel- und Wettschulden verdingen. Sie erfindet die Lochkarten, um höhere Chancen bei Wetten zu erzielen, und obliegt zum Schluss der Sprache des Körpers, die aus der gebärenden Mutter den grausamen Neologismus des Gebärmutterkrebses erfinden wird. Damit wird deutlich, dass die binäre Welt der Maschinen und der symbolischen Ordnung niemals mit dem "Pfund Fleisch" bezahlen kann, da ihr jedes Fleisch fehlt. Das Unbewusste des sprechenden Subjekts kann, trotz vergleichbarer maschineller Mechanismen, nie vollständig mit einer Maschine gleichgesetzt werden, da die Maschine weder über ein Imaginäres verfügt, noch die Ethik des Realen kennt.

Das binäre Denken entstammt eher dem Index des Unbehagens in der Kultur und nicht der Struktur des Begehrens im Subjekt. Zizek eskamotiert wahrscheinlich genau diese binäre Ordnung, wenn er den skandalösen Titel benutzt: "Liebe Dein Symptom wie Dich selbst".

"In dieser Materie des Sichtbaren wird alles zur Falle und ist auf sonderbare Weise Flechtwerk. Das Bild ist eine Blickfalle. Das Bild ist in meinem Auge. Aber ich, ich bin im Tableau. Über das Auge triumphiert der Blick. Und sollte ich etwas sein in diesem Bild/Tableau, dann auch in der Form dieses Schirms, den ich eben "Fleck" nannte." (Lacan in "Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse"). Samuel Beckett hat diese Dimension vom Auge und Blick in seinem Stück "schlecht gesehen schlecht gesagt" (mal vu mal dit) poetisiert.

Tat es Ada Lovelace auch?

Patris Aphanisis

oder

Das Gespenst des Vaters

Augusta Ada, Countess of Lovelace, Tochter von Anna Isabella Noel-Byron und Lord Byron scheint auf das Pferd gekommen zu sein, um den Mythos ihres Vaters zu rekonstruieren. In ihrem von Symptomen und Schulden geplagten Leben stieg sie in ihre eigene Unterwelt hinab, um den Vater zusammenzusetzen, wie einst in der ägyptischen Mythologie Isis mit den Leichenteilen des Osiris verfuhr.

Aber wie vom Vater sprechen, wenn er bereits zu Lebzeiten den Status eines Gespenstes annimmt, wie ihn denken, wenn ein lebender Toter, ein Gast mit unsicherem und ungewissem Aufenthalt ist, wie ihn imaginieren, konstruieren, erfinden, phantasieren und visualisieren?

Die Mutter von Ada wollte den Vater per Gesetz zum Verrückten erklären, musste jedoch von diesem Vorhaben ablassen, um sich überhaupt scheiden lassen zu können. Durch diese Absicht der Tot-Sagung wurde der Vater von der symbolischen Ordnung ver-rückt und erfuhr als Lebender den Status eines Gespenstes. Der Vater wurde zu "einem Loch im Realen" in Adas Leben.

Ein Gespenst wird exorziert, aber nicht ad acta gelegt. Dieses Gespenst wurde durch die Medien und durch die Gesten und Aktionen der Mutter zu einem permanenten abwesend-anwesenden Gast, der im Kopf Adas stets herum spukte. Das in den Salon des Hauses gehängte und von der Mutter verhüllte Portrait von Lord Byron tat seiniges dazu, um die Mystifizierung voranzutreiben. "Der vermummte Herr, schreibt Lacan, dient hier zur Einführung der phallischen Bedeutung. Diese Bedeutung ist zufällig, also nicht notwendig. Sie ist per Zufall an der leeren Stelle des Genießens des Anderen." (Hoffman Ch.)

Nur Gespenster und Vampire haben keine Spiegelbilder und kein Antlitz. Das Gespenst aber erblickt einen auch dann, wenn es gar nicht erscheint. Es kann einen stets im Visier haben, ohne dass es einen anblickt. Deswegen konnte auch dieses Gespenst das Auge Adas nicht verfehlen. Der Schleier gab nur vor, ein Schild, ein Schutz, ein Schirm zu sein. Er war aber stets durch-sichtig (Diaphanes). Doch auch ein Gespenst verlangt nach seiner Darstellbarkeit.

Was ist ein Vater?

Freud hat den Vater in "Totem und Tabu" von seinem mythischen Ursprung her gedacht, als den grausamen, inzestuösen, blutbrünstigen, mächtigen Ur-Vater der Ur-Horde. Er wird von seinen Kindern umgebracht und anschließend verzehrt. "Nun setzten sie im Akt des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die sozialen Organi sationen, die sittlichen Einschränkungen und die Religion". Damit verlor der Vater seine reale Dimension. Er wurde zu einem Wort in der Sprache.

Lacan greift auf den Begriff des Vaters, wenn er von der "Metapher" oder "den Namen des Vaters" spricht. Später wird er von "den Namen" des Vaters in Plural sprechen. Er stellt eine Schleife zwischen "dem Namen des Vaters" als Patronym und seiner reinen Funktion her.

"Der Name-des-Vaters ist nun der fundamentale Signifikant, welcher der Bedeutung ein normales Vorgehen erlaubt. Dieser fundamentale Signifikant verleiht dem Subjekt Identität (er benennt es, positioniert es innerhalb der symbolischen Ordnung) und spricht das ödipale Verbot aus, das "Nein" des Inzesttabus. Wenn dieser Signifikant verworfen wird (nicht in die symbolische Ordnung eingeordnet ist) erwächst daraus die Psychose." (Dylan E.)

Ob als Name oder Funktion, verlangt auch die Figur des Vaters nach ihrer imaginären und symbolischen Artikulation.
Das Unbewusste nach Freud arbeitet mit dem Mechanismus "Mit Rücksicht auf Darstellbarkeit" und der Artikulation (in und zur Sprache bringen) mit den Signifikanten (Spuren). "Wenn wir daran denken, dass die Darstellungsmittel des Traumes hauptsächlich visuelle Bilder, nicht Worte sind, so wird uns der Vergleich mit einem Schriftsystem noch passender erscheinen als der mit der Sprache." (Freud S.)

(...)

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