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Baum, Himmel, Wasser
Die Demontage der Schöpfung oder Die Entle(h)erung der Welt
(Gedanken über die ‘Stillsbilder’ von Gudrun Barenbrock)
"Das Auge wird zu den Stätten seiner Betrügereien zurückkehren.
Zu hundertjährigem Urlaub von
daher, wo Tränen gefrieren".
(Samuel Beckett, Werke V. Supplementband I. Prosa, Frankfurt/Main, 1976)
Von Fotini Ladaki
Einführung
Im Juni 2011 fertigte Gudrun Barenbrock eine bebilderte Erklärungsschau unter dem Namen "Wo die Bilder herkommen" an.
"20 Juli 2004. Ein Teich im Kölner Stadtwald. Die umstehenden Bäume spiegeln sich. Es weht ein
leichter Wind. Kleine Wellen halten das Bild in Bewegung. Auf dem Wasser schwimmen Laub und
Zweige. Die Kamera fährt das Motiv ab. – Langsamer abgespielt sieht das Ganze so aus. – Jetzt liegt
die Abspielgeschwindigkeit bei 20%. Details und Strukturen werden sichtbar, vielfältige Form- und
Farbschlieren, wie ein abstraktes Bild in Bewegung. – Durch Kontraststeigerung in der Filmbearbeitung
lässt sich dieser Eindruck noch verstärken: feine Farbabstufungen verschwinden, alle Bereiche
oberhalb eines mittleren Grauwertes werden weiß, unterhalb davon schwarz. Eine holzschnittartige
Struktur entsteht. – Die Kontraste im Film sind nun vollkommen hart gezogen: es gibt nur noch
Hell- und Dunkelwerte und einige Farbartefakte. Wird die Sättigung weiter verringert, bleibt lediglich
ein schwarzweißes Bild. – Standbilder aus auf diese Weise bearbeiteten Filmen sind Vorlagen für eine
Serie von großformatigen Leinwandarbeiten: Stillsbilder"
Hier werden Digitalkamera und Computer als eigenständige Apparate eingesetzt. Sie übernehmen die
Aufgabe, durch technische Verschachtelungen und einprogrammierte Leistungen die Entstehung des
schöpferischen Prozesses zu gewährleisten. Geschwindigkeitsdrosselung, Bildarretierung, Überblendung,
Kontraststeigerung bewirken eine "bricolage" oder Bastelei, der die Aufgabe zukommt, Bilder
zu erzeugen. In diesem Prozess werden Elemente mit differenziellem Wirklichkeitsbezug aufgrund von
technischen Manipulationen verfremdet. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, eine Geschichte
als Ereignisfolge noch eine homogene, ikonographische Figur herauszustellen. Es scheint, als würde
eine Art Gedächtnisprotokoll angestrebt, das keine kontemplative Transzendenz intendiert, sondern
nur die Eigenwilligkeit einer prozessualen, maschinellen Aktivität darstellt. Dieser nahezu magische
Aspekt der Beherrschung des bisher Nicht-Beherrschbaren macht eine neue Schicht des Wirklichen
zugänglich. Werden hier Maschinen und Technik in eine priviligierte Position gebracht, um eine
subjektlose Malerei zu propagieren? Wird damit der Tod des schöpferischen Subjekts angekündigt?
Oder kommt der Idee der Maschinen und Apparate noch eine andere Bedeutung zu? Es gib nicht
umsonst die Denkapparate, den Gedächtnisapparat und sogar nach Freud auch den psychischen
Apparat. Gilles Deleuze schuf in seiner Theorie die "Wunschmaschinen“. Unternimmt auch Gudrun
Barenbrock den Versuch, ein Dispositiv herzustellen, indem sich künstlerische Leistungen, psychische
Phänomene und maschinelle Prozesse nur voneinander her entziffern lassen?
Spiegelungen und Tautologien
Die vorhandenen Texte über das Werk der Künstlerin weisen eine Besonderheit auf, in der die Angaben
der Künstlerin mit dem Text des Betrachters sich nicht nur flächendeckend erweisen, sondern sich
wie zwei Spiegel verhalten, die direkt gegenüber stehen. "Ich folge der Künstlerin. Zuerst strich sie
eine Lage Blau auf, danach mehrere Lagen Weiß, die das Blau fast (aber eben nur fast) verdeckten.
Im nächsten Schritt deckte der Pinsel alle Partien, soweit sie später weiß erscheinen, mit Kautschuk
ab. Danach erhielt die so präparierte Leinwand noch einmal eine blaue, dann die letzte, schwarze
Schicht. Zum Schluss wurde die Abdeckung entfernt, so dass die weißen Partien (und damit das
vollständige Motiv) wieder zum Vorschein kamen“ (M. Schneckenburger). Text und Aussage des
Künstlers scheinen von einer imaginären Verschmelzung zu leben, als würden sie sich durch eine
gegenseitige Projektion zu ergänzen suchen.
Solche Betrachtungen artikulieren ein Echo und einen Widerhall von Nachbildern. Die Interpretation
kreist um die Machart, ohne diese in einen Diskurs einzubinden. Damit verdoppeln sich nur die
Aussagen. Spricht der Text oder spricht der Pinsel selbst, ein Gerät und ein Gegenstand, der sich
selbst dazu autorisiert hat, Mitteilungen über den schöpferischen Prozess und die Kunst zu machen?
Diese Assoziation mit dem sprechenden Pinsel wie auch mit den kunstschaffenden Maschinen hat
ihre Bedeutung innerhalb des Diskurses der Postmoderne über den angesagten Tod des Künstlers.
Nach dem Tod Gottes und des Subjekt musste der Tod des Künstlers dazu kommen. Was geschieht
aber, wenn Machart und Werk identisch erscheinen? Und was sagt es über die Kunst aus, wenn diese
nicht weiter dialektisiert werden kann? Existiert dann das Werk nur als Projektion seiner eigenen
Oberfläche? Transportieren solche Aussagen nur Tautologien und entle(h)erte Figuren?
Diese Art von Bildbetrachtung umkreist das Bild immer wieder entlang seiner eigenen technischen
Angaben. Da sie stets auf der Ebene des Sichtbaren bleibt, geht die Dimension des Unsichtbaren und
Unsäglichen abhanden. So bleibt das Kunstwerk immer auf der Seite des Dings, des Gutes und der
Güter, die alle samt angefertigt werden, um eine bestimmte Funktion zu erfühlen. Denn wenn die
Kunst nur mit sich selbst und dem, was sie dem Auge anbietet, identisch ist, wird die Bedeutung des
Blickes abgehängt. Auge und Blick sind aber im Allgemeinen und im Besonderen bei der
Kunstbetrachtung keine identischen Größen. Was dem Auge dient, muss nicht auch den Blick
befrieden.
Über das Auge und den Blick
Es lag immer in der Hand der Künstler, mit intelligenten Techniken und außergewöhnlichen Apparaten
(in der Malerei und damit auf dem Feld des Sichtbaren) die Spaltung zwischen Auge und Blick
einzuführen. Dabei stellt diese Spaltung kein willkürliches Exemplar eines leeren Experiments dar,
sondern steht in seiner metonymischen Bedeutung für die Spaltung des Subjekts selbst auf dem Feld
des Sehens. Das Bild Holbeins "Die Gesandten“ mag eins der bekanntesten Beispiele dieser Art zu
sein. In diesem Bild situiert sich etwas, was dem Phänomen der Anamorphose entspringt. Es geht um
jene auf dem Boden sich befindende schwebende Scheibe, die weiß und unbemalt erscheint. Erst
von einer bestimmten Perspektive heraus erblickt man den Totenschädel. Er steht als konstruiertes
Gegenbild gegen die Insignien der Vergänglichkeit. Der Meister Tod siegt über die Ornamente und die
Symbole von Reichtum und Macht. Damit wird nach Lacan der Blick zum Objekt klein a und zum
Objekt des skopischen Triebs "des Sehen und Gesehen-Werdens“. Lacan sieht hier eine antinomische
Beziehung zwischen dem Blick und dem Auge. Das Objekt klein a bildet für Lacan das "Loch im
Realen“, das die symbolisierende Kraft des begehrenden Subjekts in Bewegung setzt.
"Weh dem, der Symbole sieht" heißt es im Roman Becketts "Watt".
"... es war wie ein Topf, es war beinahe ein Topf und es war dennoch kein Topf, von dem man hätte
sagen können (Topf, Topf), um sich dann beruhigt zurückzulehnen".
Also um Symbole geht es auch bei den Stillsbildern nicht, sondern um einen Benennungsakt, in dem
die Wörter durch irreduziblen Formen ersetzt werden. Gudrun Barenbrock stilisiert keinen Totenschädel
oder anders geartete Zeichen und Ornamente. Dennoch schreibt sie sich aber in einen Diskurs ein,
dessen Selbstreferenz gehört werden sollte.
Wenn das "Ich ein Anderer ist" (Rimbaud), das Subjekt nur ein Nomade, der von Platz zu Platz
wechselt (Deleuze), die Person nur ein "Rendez-Vous von Personen" (Nietzsche), die Wahrnehmung
eine komplizierte Kollage, in der Spuren von Erinnerungen, Spiegelungen, Reflektionen und
verknüpfende Assoziationen zusammen kommen und schlussendlich auch die Symptome des
Menschen Gebilde, die einer komplexen Dialektik entspringen, wie kann dann ein Bild nur mit sich
selbst identisch sein?
"In dieser Materie des Sichtbaren wird alles zur Falle und ist auf sonderbare Weise Flechtwerk. Das
Bild ist eine Blickfalle. Das Bild ist in meinem Auge. Aber ich, ich bin im Tableau. Über das Auge
triumphiert der Blick. Und sollte ich etwas sein in diesem Bild/Tableau, dann auch in der Form dieses
Schirms, den ich eben ‚Fleck' nannte." (Lacan in "Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse"). Samuel
Beckett hat diese Dimension vom Auge und Blick in seinem Stück "schlecht gesehen schlecht gesagt"
(mal vu mal dit) poetisiert.
"Wo die Bilder her kommen"
"Wo die Bilder herkommen" soll Naivität vortäuschen. Es soll der Eindruck entstehen, es sei nur ein
in die Mitte geworfener Würfel, eine lässige Geste. Es ist aber geradezu dieser Titel, der gewollt/
ungewollt eine unglaubliche Polyphonie erzeugt. Es ist ja kein Geheimnis, dass alles Wissen mit diesen
W-Fragen anfängt. "Wies-loch" nennt diese Anne Liese Stern. Damit sind die alten Kinderfragen des
Warum, Wieso, Woher, Wo, Was, Wann und Wie gemeint. Der Mensch spricht und dabei kann er nicht
anders, als von Löchern zu sprechen. Man stößt immer wieder auf diese Löcher im Wissen, wenn es
darum geht, das Unbekannte zu erschließen. Bliebe man nur im symbolisch–imaginären Feld, macht
man das Wissen dingfest und stets abrufbar. "Wo die Bilder herkommen" scheint in seiner
vorgespielten Naivität Assoziationen hervorzurufen, die sich auf die Frage "Wo die Kinder herkommen"
beziehen könnten. Denn diese Frage konfrontiert uns, in ihrer fundamentalen Singularität, mit der
eigentlichen Suche jedes denkenden Subjekts nach dem Ursprung des Wissens. Es geht nicht allein
um Wissen, sondern um Wissenslust. Werden hier womöglich zwei elementare Phänomene wie Wissen
und Schöpfen zusammengeknüpft? Wissen, Schöpfen und Kreationismus? Geht es auch um die Lust
der Schöpfung und des Kreationismus?
"...denn der Mensch ist kreationistisch –, gegen den Schöpfer also, der ihn als so schwach und
unzulänglich erschaffen hat." (Lacan: "Die Ethik der Psychoanalyse")
Wird die bestehende Schöpfung durch exemplarisches Vorgehen von den Blicken des Betrachters
Schritt für Schritt destruiert und dekonstruiert? Abbildung, Fragmentierung, Drosselung von Bewegung
und Geschwindigkeit, Überblendung, Unscharfmachung, Stillhaltung, Kontrastierung, Filterung,
Erkaltung, Übermalung. Digitalkamera und Computer haben den Platz der Götter und jener
Wunschmaschinen von Deleuze übernommen. Sie wollen die Schöpfungsidee beleuchten, um hinter
ihr Geheimnis zu kommen. Die Genesis wird medial sichtbar gemacht. Im gleichen Augenblick wird
diese dem Sehen wieder entzogen. Ist es genau das, was die "Stillsbilder" intendieren? Soll die
stoffliche Unterlage durch zunehmende Reduktion der Abstraktion überantwortet werden? Die Reste,
die von den ursprünglichen Bildern verbleiben, erinnern so wenig an eine einst funktionierende und
bewegende Welt, wie sie auch nicht mehr in der Lage sein werden, eine neue hervorzurufen. Es scheint
als würde die Realität in ein unfassbares Reales fliehen. "Willkommen in der Wüste des Realen"
propagiert Zizek in seinem gleichnamigen Buch. Weil das Reale nach Lacan immer mit der Tyche
zusammenhängt, kann man dann uneingeschränkt in diesen disparaten Zufallsgebilden allerlei
Urformen imaginieren wie Amöben, Wucherungen, tanzende Parzen, fließende Reste, himmlische
Pfützen, Tau und Regentropfen.
‚Stillsbilder’ und ‚Wunschmaschinen’
"Stillsbilder" ist ein polyphones, schwangeres Wort, das mehrere homophone Optionen aufruft wie
Stil, Styl, Stille, Stillleben, Stillen. Stillsbilder deuteten nicht nur auf innegehaltene Augen-Blicke der
Stille, sondern rufen auch weitere Assoziationen hervor. Man denkt an das Genre der Malerei des
Stilllebens. Stillleben impliziert als Kofferwort die Zusammenziehung der Wörter stilles Leben. Im
französischen und im italienischen wird Stillleben mit nature morte oder natura morte, tote Natur oder
totes Leben übersetzt. Spielt diese Übersetzung auch hier eine Rolle? Worauf weist dieses Wort der
Stille hin? Weist es auf einen Zustand, der auftritt, wenn alle Differenzen, wie auch Schattierungen
und Farbnuancen, aufgehoben sind? Wird hier die Stille (Schweigen, Tod) als das Unsagbare, das
lichtlose Unsichtbare und damit Differenz-lose transportiert? Bringt der imaginäre, kreationistische
Wahn die "Wunschmaschinen" selbst ins Spiel? Wird hier eine Anarchie eingeführt, um den
kreationistischen Wahn des Kulturbetriebs zu demaskieren? Geht es um eine produktive Sprengkraft
anarchischer Wünsche? Soll sich die Materialität von signifikativen Festsetzungen befreien, um nicht
totalisierbare Vielheiten freilegen zu können?
Der Wunsch oder das künstlerische Begehren als Produktion soll sich einer idealisierenden Konzeption
entziehen. Der Begriff "Wunschmaschine“ von Deleuze und Guattari bezeichnet die Eigenschaft des
Wunsches, gleichzeitig Instrument, Produzent und Resultat der Produktion zu sein. Dualismen werden
überflutet, die binäre symbolische Ordnung in Frage gestellt, Repräsentanzen entmachtet, die
Suprematie einer unären Ordnung gesprengt.
Digitalkamera und Computer bei Gudrun Barenbrock scheinen als Supplemente von ‚Wunschmaschinen’ zu fungieren.
Die Wunschmaschinen nach Deleuze sind nicht nur Produkte der Einbildung,
sondern sind auch in den gesellschaftlichen wie auch in den technischen Maschinen verankert. Somit
weisen die Produktionen von ‚Wunschmaschinen’ auf einen mythischen Ort, dem aber dieses Mal jede
despotische Macht entzogen wird.
Auch Gudrun Barenbrock scheint sich mit Computer und Digitalkamera in dieser Topologie aufzuhalten.
Sie lässt die Maschinen kreieren und dekonstruieren. Damit dekonstruiert sie auch den Mythos der
künstlerischen Genialität in umgekehrter Form, als es Velasquez mit seinem Bild "Las Meninas“
visualisiert hat. Velasquez tauscht den despotischen Platz des Herrscherpaares mit dem Platz des
Künstlers. Der Künstler ist der König und nicht die generierenden Insignien einer von Generation zu
Generation vererbten Macht. Gudrun Barenbrock radikalisiert diese Geste, indem sie sich jedem
personellen Künstler-Despotismus entzieht. Das verborgene und enigmatische Spiel der Kunst wird
desakralisiert, das inkonsistente und pulverisierte Subjekt des Künstlers seiner imaginären Macht
entzogen. Die ‚Wunschmaschinen’ gelten als ausführende Installationen eines künstlerischen
Begehrens, das sich des Zwangs der Genialität entledigt hat.
Literatur
Beckett S.: "Werke V. Supplementband I". Prosa, Frankfurt/Main, 1976
Deleuze G./ Guattari F.: "Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I". Frankfurt/M. 1977
Lacan J.: Buch XI: "Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse" (1963-1964) hrsg. V. Norbert Haas.
Weinheim-Berlin 1978
Lacan J.: "Das Seminar Buch VII. Die Ethik der Psychoanalyse", Quadriga, 1996
Schneckenburger M.:"Formstrukturen aus dem Chaos der Urbanität" in "Run-Run",
Katalog für eine Einzelausstellung, Gudrun Barenbrock, Neues Kunstforum Köln, 2006
Stern A-L.: in: "Sigmund Freud. Immer noch Unbehagen in der Kultur?"
Zürich Berlin: Diaphanes 2009
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