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Flow

Über die Videoprojektionen von Gudrun Barenbrock auf die Gradierwand in Bad Rothenfelde

Von Manfred Schneckenburger

Sie malte lange, bevor sie 2004 den Pinsel zum ersten Mal durch Digitalkamera und Computer ersetzte. Seitdem tauscht Gudrun Barenbrock immer wieder ihr traditionelles Handwerkszeug gegen den Computer aus. Struktur und Komposition ihrer Bilder findet sie teilweise über das neue Medium. Sie kontrahiert Farben und Töne oder lässt sie ornamental schweifen. Sie filtert Farben heraus, hellt sie auf oder steigert ihre Intensität. Sie macht Umrisse und Flächenfiguren beweglich und gibt ihnen amöbenhaften Fluss. Sie zieht alle Bereiche oberhalb eines mittleren Dunkelwertes zu einem massiven Schwarz, unterhalb dieses Wertes zu einem blanken Weiß zusammen. Sie entwirft und komponiert mit dem Computer, so wie Nam June Paik dies vor vier Jahrzehnten für die Videokamera vorausgesagt hatte. Wie kaum eine andere bleibt sie dabei jedoch eine genuine Malerin, mit pittoresken Wirkungen, landschaftlichen Horizonten und vegetativen Wucherungen.

Heute ist Barenbrock eine Meisterin der Verwandlung von Formdaten in digitale Bilder. Das expansive Format der Gradierwand kommt der Dynamik ihrer Kompositionen entgegen. Alles dreht sich um das flüssige Element: Wasser zernagt die Salzstöcke unter der Erde, Wasser spült die Sole nach oben, Wasser rieselt als feine Fäden über das Dornengestrüpp in die Auffangbecken und weist zurück auf die unterirdischen Quellen. In Rothenfelde zieht die Künstlerin eine Summe fließender, strömender, wogender, gischtender, tropfender Bewegungen. Ihre Projektion laäuft über 4 x 16 Meter hinweg in die Breite und nimmt dabei die gesamte Höhe der Gradierwand ein.

Der Zugriff kann ebenso kraftvoll wie subtil sein. Das Wasser kann in Schüben ausbrechen oder sich in gelösten Wellen kräuseln, wie Flammenmauern auflodern oder sich in farbigen Tropfen verdichten. Das ganze Repertoire digitaler Wandlungen wird eingesetzt: Strömungen dehnen sich aus, verdünnen sich linear oder fließen in Fleckenmustern zusammen. Die wogende Fluktuation zeigt, dass Computer und naturlyrische Stimmungen sich nicht ausschließen. Barenbrock bleibt, auch mit Digitalkamera und Computer, die eigentliche Malerin vor der Gradierwand.

(aus "sichtlicht", Ausstellungskatalog 1. Projektions-Biennale Bad Rothenfelde, 2007 ISBN 978-3-939825-83-8)